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OBS-Arbeitshefte

Funktionswandel von Leiharbeit, AH61

Autor/en:

Dörre, Klaus/ Holst, Hajo/ Nachtwey, Oliver

Veröffentlichungsdatum:

28.08.2009

Neue Nutzungsstrategien und ihre arbeits- und mitbestimmungspolitischen Folgen

 

Auch wenn es nicht zu einer schweren Weltwirtschaftskrise mit zum Teil noch unbekannten und unabsehbaren Folgen gekommen wäre, hätte der Finanzmarkt-Kapitalismus der letzten Jahre dennoch tiefe Spuren in Arbeitswelt und Gesellschaft hinterlassen. Die auf kurzfristige Steigerung von Gewinn und Aktienkurs ausgerichteten Unternehmensstrategien haben Gewerkschaften, Arbeitnehmervertretungen und Beschäftige enorm unter Druck gesetzt, ihnen viel Flexibilität abverlangt und manche soziale Errungenschaft in Frage gestellt.

Die dramatischen Umwälzungen in den Betrieben, in der Organisation der Arbeit und bei den Qualifikationsanforderungen der Beschäftigten gingen einher mit breiten gesellschaftspolitischen Veränderungen. Neue Formen von sozialer Unsicherheit entstanden, der Graben zwischen arm und reich wurde breiter, die Krise der Arbeitsgesellschaft erreichte die Mitte der Gesellschaft.

Durch Zukauf von Dienstleistungen oder Auslagerung von Betriebsteilen, durch Werkverträge, Mini- und Midi-Jobs, durch befristete Arbeitsverhältnisse, Praktika und Leiharbeit wuchsen im Aufschwung vor allem die „Randbelegschaften“.

Vielfältige Formen von prekärer Beschäftigung verstärkten die Erosion des Normalarbeitsverhältnisses, trugen zur Verunsicherung bei und erzeugten Abstiegsängste, die längst auch gut Ausgebildete und langjährig Beschäftigte erreicht haben. Arbeit ist und bleibt zwar weiterhin der zentrale Faktor für gesellschaftlichen Wohlstand, soziale Sicherheit, politische Teilhabe und individuellen Erfolg. „Arbeit zu haben“ und einer Beschäftigung nachzugehen, bedeuten aber längst nicht mehr in jedem Fall weitgehende finanzielle Unabhängigkeit, erfolgreiche gesellschaftliche Integration, stabile soziale Sicherheit und planbare Zukunftsgestaltung.

Die „Prekarisierung“ der Arbeit und die damit verbundenen betriebs-, tarif-, sozial- und gesellschaftspolitischen Folgen lassen sich besonders gut am Beispiel „Leiharbeit“ verdeutlichen. Im Aufschwung bis zum Sommer 2008 ist es nicht nur zu einem starken Anwachsen der Leiharbeit gekommen. Die quantitativ neue Dimension hat auch eine qualitativ veränderte Seite. Leiharbeit spielte in Deutschland lange Zeit kaum eine große Rolle. Sie wurde dann genutzt, um Auftragsspitzen aufzufangen oder kurzfristige Ausfälle auszugleichen. Kennzeichen dieser Nutzungsarten war der temporäre und punktuelle Einsatz bei meist minimaler Intensität. Unternehmen, die Leiharbeiter als „Ad-hoc-Ersatz“ oder als „Flexibilitätspuffer“ nutzen, verfolgen das Ziel, ihre Lohnkosten zu reduzieren, indem sie beispielsweise die Kosten für den Personalersatz minimieren oder beim Anstieg des Auftragsvolumens Festanstellungen umgehen. Diese Nutzungsstrategien spielen auch weiterhin eine Rolle. Aber inzwischen läßt sich darüber hinaus ein Form- und Funktionswandel der Leiharbeit beobachten. Es wird von immer mehr Unternehmen versucht, Leiharbeit verstärkt als strategisches Instrument der Profitsteigerung zu nutzen, das dauerhaft eingesetzt wird, alle Arbeitsbereiche umfaßt und zu einer Verflechtung von Stamm- und Leiharbeitskräften führt. Für „gleiche Arbeit“ wird ein „ungleicher Lohn“ gezahlt, Belegschaften erster und zweiter Klasse entstehen, Tarifverträge werden unterlaufen, Mitbestimmung reduziert. „Billigere“ Leiharbeiter verunsichern und „disziplinieren“ als Druck- und Drohpotential Stammarbeitskräfte und Kernbelegschaften.

Es ist ein großer Verdienst des Forscherteams um Prof. Dr. Klaus Dörre von der Friedrich-Schiller-Universität Jena mit dem von der Otto Brenner Stiftung geförderten Projekt „Funktionswandel von Leiharbeit“ nicht nur anhand eindringlicher Fallbeispiele diesen neuen Nutzungsstrategien nachgespürt zu haben, sondern auch den Blick darauf zu lenken, welche arbeits- und mitbestimmungspolitischen Folgen mit diesem Funktionswandel verbunden sind.

Die Studie zeigt aber auch, dass es betriebspolitisch viel versprechende Ansätze und auch organisationspolitisch erfolgreiche Strategien gibt, das Auswuchern der Leiharbeit einzudämmen und mit den betroffenen Arbeitskräften gemeinsam zu erträglicheren Bedingungen zu kommen. Schließlich verdeutlicht die Untersuchung, dass das enorme Anwachsen der Leiharbeit direkte Folge von gesetzlichen Rahmenbedingungen ist, die politisch wieder verändert werden können.

Die „Feldarbeit“ für die Studie „Funktionswandel von Leiharbeit“ wurde in einer Zeit geleistet, als die Zahl der Leiharbeiter ständig stieg und fast die Millionengrenze erreicht hätte. Jetzt, im Sommer 2009, trägt die Wirtschaft schwer an den Folgen der Finanzmarktkrise und des wirtschaftlichen Abschwungs. In der Rezession sank die Zahl der Leiharbeiter um fast die Hälfte. Leiharbeit steht nicht im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit und auch im aufkommenden Wahlkampf spielt sie keine entscheidende Rolle. Es spricht jedoch viel dafür, dass beim Thema Leiharbeit „nach der Krise“ wieder „vor der Krise“ heißt. Es verdichten sich sogar die Hinweise, dass es im nächsten Aufschwung zu einem explosionsartigen Anwachsen der Leiharbeit kommen wird. Aufgrund der „positiven Erfahrungen“, die Unternehmen (aus ihrer Sicht) sowohl in der Aufschwung- als auch in der Abschwungphase mit der strategischen Nutzung von Leiharbeit gemacht haben, ist damit zu rechnen, dass Leiharbeit eine neue quantitative Dimension erreichen kann und auch qualitativ an Bedeutung gewinnen wird.

Die Otto Brenner Stiftung will mit der Veröffentlichung der Studie nicht zuletzt auf diese Gefahren aufmerksam machen. Wir hoffen, mit den Ergebnissen dieser Untersuchung und mit den Erkenntnissen des Projektes zudem die politische Forderung unterstützen zu können, dass Leiharbeit gesetzlich wieder stärker eingedämmt werden muss.

Schließlich wollen wir mit der Untersuchung dafür sensibilisieren, dass es nicht nur gewerkschafts- und betriebspolitische Strategien gegen das unkontrollierte Anwachsen der Leiharbeit gibt, sondern dass auch positive Erfahrungen vorliegen, wie in den Betrieben Leiharbeit erfolgreich von Gewerkschaften, Arbeitnehmervertretungen und Belegschaften reguliert werden kann.