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OBS-Arbeitshefte

Die deutsche Einheit zwischen Lust und Frust, AH60

Autor/en:

Peter Förster, Yve Stöbel-Richter, Hendrik Berth, Elmar Brähler

Veröffentlichungsdatum:

23.07.2009

Die Sächsische Längsschnittstudie begleitet seit 1987 kontinuierlich eine Stichprobe junger Ostdeutscher des Geburtsjahrgangs 1973 auf ihrem Weg vom DDR- zum Bundesbürger. Mit mittlerweile 22 abgeschlossenen Erhebungswellen (2008) zählt die weiterhin laufende Studie zu den weltweit am längsten andauernden sozialwissenschaftlichen Untersuchungen. Es handelt sich um die einzige Studie, die in dieser Weise das Erleben der deutschen Wiedervereinigung bei einer identischen Stichprobe von Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen aus der DDR bzw. den neuen Ländern dokumentiert. Sie ist damit ein zeithistorisch besonderes Zeugnis, das den Systemwechsel in der DDR und die sich daraus ergebenden inpiduellen Konsequenzen auf einer quantitativen Ebene abbildet.

Die Daten zeigen, dass die Suche der (immer noch rund 400) Panelmitglieder nach einer neuen staatsbürgerlichen Identität keineswegs abgeschlossen ist. Sie fühlen sich – formal betrachtet – zwar mehrheitlich schon als Bürger der Bundesrepublik, kommen mit den gesellschaftlichen Verhältnissen zurecht und wissen deren Möglichkeiten und Chancen zu schätzen. Die politischen Verhältnisse in der DDR wünscht sich kaum ein Studienteilnehmer zurück. Andererseits wächst jedoch seit Jahren die Unzufriedenheit mit dem heutigen Gesellschaftssystem, insbesondere im Hinblick auf verschiedene Aspekte der Sozial-, Familien- und Gesundheitspolitik. Die Erfahrung mit Arbeitslosigkeit und die Angst vor einem Arbeitsplatzverlust tragen besonders zur skeptischen Haltung bei.

Mit finanzieller Unterstützung der Otto Brenner Stiftung konnten die Wellen 19 und 20 der Sächsischen Längsschnittstudie durchgeführt werden. Vor dem Hintergrund des diesjährigen Jubiläums („20 Jahre Mauerfall 1989“) und aus Anlaß unserer Jahrestagung im November in Berlin haben wir das Leipziger Forscherteam um Elmar Brähler gebeten, für die Otto Brenner Stiftung eine zusammenfassende Aufbereitung des umfangreichen Datenmaterials vorzunehmen. Wir wollten wissen, wie stark bei der Untersuchungsgruppe heute die Identifikation mit der Bundesrepublik ist, welche Faktoren eine Identifikation fördern bzw. hemmen. Mit diesem Arbeitsheft der OBS dokumentieren wir zentrale Erkenntnisse aus dem Forschungsverbund.

Die Ergebnisse belegen eine kritische Haltung gegenüber vielen Aspekten des bundesrepublikanischen Gesellschaftssystems: die grundsätzliche Bejahung der deutschen Einheit ist nicht identisch mit der Zustimmung zum gegenwärtigen Gesellschaftssystem. Fast zwei Jahrzehnte nach Vollendung der deutschen Einheit ist sogar die Tendenz feststellbar, dass die Zustimmung schwindet und die Distanz – auch zum politischen System – wächst.

Wenngleich sich die Aussagen, Trends und Momentaufnahmen der „Sächsischen Längsschnittstudie“ auf Personen beziehen, die 1973 in der DDR geboren wurden, als 15-/16-Jährige die „Wende“ erlebten und inzwischen, 35 oder 36 Jahre alt, schon überwiegend in der Bundesrepublik gelebt haben, so finden doch ihre wichtigsten Erkenntnisse Bestätigung durch andere Forschungsprojekte. Die Jubiläen 2009 (u.a. 20 Jahre „Mauerfall“) und 2010 (u.a. 20 Jahre „Deutsche Einheit“) bilden einen guten Rahmen und geben aktuellen Anlaß, sich mit den Ergebnissen kritisch und zukunftsorientiert auseinanderzusetzen. Mit diesem Arbeitsheft will die OBS einen faktenreichen Beitrag für die weitere Diskussion über die Gestaltung der deutschen Einheit liefern.